Marielis Seyler. Vergangene und zeitgenössische Ikonen Donnerstag, 12. Dezember 2019, Galerie Peintner-Lichtenfels

Eröffnungsrede von Günther Oberhollenzer

Es ist mir eine große Freude, einige Worte über das so vielfältige fotografische Werk von Marielis Seyler sprechen zu dürfen. Seylers Werk ist mir schon seit längerer Zeit präsent, die Künstlerin habe ich aber persönlich erst vor etwas mehr als einem Jahr im Rahmen einer „Roten Wand“-Veranstaltung im Künstlerhaus kennengelernt. Dabei ist gleich ein inspirierender Dialog zwischen uns entstanden, und so hat mich Marielis eingeladen, heute über ihre wunderbaren Kunstwerke zu sprechen.

Wir sehen Arbeiten aus unterschiedlichen Werkphasen, beginnen möchte ich mit den ganz neuen Fotografien in Leuchtkästen: Seyler arbeitet hier mit Puppen, sie fotografiert sehr unterschiedliche und kombiniert diese collagierend etwa mit Textfragmenten aus der Kronenzeitung, einer kargen Naturlandschaft oder einem Foto von jubelnden jungen Afrikanern. Einmal lässt sie eine Puppe auch einen toten Vogel in Händen halten. Puppen faszinieren Seyler, sie sind für sie „Ikonen“, wie es auch im Titel der Ausstellung heißt. Doch was sind eigentlich Ikonen? In der ursprünglichen Wortbedeutung sind damit Abbilder oder besser Kultbilder gemeint – Kultbilder der orthodoxen Kirche mit der Darstellung heiliger Personen oder ihrer Geschichte. Als Ikone wird aber auch – und das führt uns weg von einer kunsthistorischen Beschreibung – eine Person oder Sache bezeichnet, die bestimmte Werte, Vorstellungen, ein bestimmtes Lebensgefühls verkörpert. In Seylers Arbeit scheint die Ikone eine Verbindung von beiden definitorischen Annäherungen zu sein. Die Puppen stehen für ein bestimmtes Lebensgefühl, etwa auch für den Konsum und dieser wiederum hat in unserer Gegenwart durchaus kultischen Charakter. Irgendwie sind die Puppen für mich aber auch rätselhaft und unheimlich, gerade in Kombination mit den reißerischen Boulevard-Schlagzeilen oder mit ihrem starren, vielleicht auch warnenden Blick auf die tote Natur, symbolisiert durch ein in Brache liegendes Feld oder einen verendeten Vogel. Stark ist auch der Kontrast zwischen der biederen weißen Puppe und den schwarzen Jugendlichen – ein Foto, das Seyler in den Medien gefunden hat und beim Grenzzaun zwischen Marokko und der spanischen Stadt Ceuta aufgenommen wurde, als Hunderte Geflüchtete über den Zaun gesprungen sind. Die Künstlerin spielt hier bewusst mit spannungsvollen Gegensätzen: männlich – weiblich, schwarz – weiß, natürlich – künstlich, Afrika – Europa. Als Präsentationsform wählt sie den Leuchtkasten, vielleicht auch als Sinnbild für unsere grelle, multimediale Bilderwelt.

Mit Gegensätzen arbeitet Seyler auch bei ihren Madonnen bzw. Marienbildern. Aber mehr wie Gegensätze sind es auch hier Dialoge. Das Prinzip ist ganz einfach: Seyler stellt vor Jahrhunderten gemalte Gesichter der Mutter Maria Fotos von heutigen Frauen gegenüber (bzw. collagiert diese über die alten Malereien), auf der Suche nach Ähnlichkeiten und einer Wesensverwandtschaft. Die Madonna war in früheren Zeiten der Idealtyp der Frau: liebevoll, voll der Gnade und Güte, aufopfernd und trauend, beseelt vom Mutterglück. „Sind solche Madonneneigenschaften auch heute noch, bei modernen Frauen vorhanden?“, fragt Seyler. „Ja!“, ist ihre Antwort. Sie sei fasziniert gewesen, wie sich bei den Gegenüberstellungen die modernen Gesichter den vor Jahrhunderten gemalten Madonnen angeglichen haben. Die Gesellschaft gibt das Bild der Frau vor, heute wie damals ist sie oft noch in Rollenklischees gefangen.

Das Frausein in Vergangenheit wie Gegenwart, der weibliche Körper als Ort und Symbol des Schöpferischen sind durchgängige Themen im Werk von Seyler. In diesem Kontext kann auch die intimen wie berührenden Bildnisse einer schwangeren Frau gesehen werden – mit Schnecken als Sinnbild für Geborgenheit, Schwangerschaft und Geburt. Märchenhaft und rätselhaft wirken auch die Engelbilder, sehr passend für die aktuelle vorweihnachtliche Zeit! Faszinierend finde ich die hier immer wieder eingesetzte Technik: die Fotografien sind analog auf zerknitterten Transparentpapier entwickelt, das mit einer Fotoemulsion behandelt wurde. Dadurch wirken die Bilder bisweilen wie Zeichnungen (sie werden manchmal auch noch grafisch bearbeitet), gleichzeitig haben sie auch etwas Objektartiges. „Das Foto an sich ist mir zu dokumentarisch“, sagt Seyler, „aber durch verschiedenen Materialien wirken die Bilder verletzlich und vergänglich, sie bekommen einen künstlerischen Wert“.

Ich möchte noch gern auf die Island-Serie hinweisen, einer meiner liebsten Arbeiten. Wir sehen eine junge Frau, in ein weißes Tuch eingewickelt, wie eine Elfe. Sie schützt sich vor der rauen Natur, verbindet sich aber auch mit ihr. „DIE LAVA DER SEELE I SCHLEICHT GLÜHEND AUS DEM WUNDEN KÖRPER I SIE ÜBERDECKT DIE GANZE INSEL I MIT DEM ATEM IHRER LIEBE“, schreibt Seyler im Buch zur Serie neben das Bild. Auf anderen Arbeiten sehen wir die Frau am Boden liegend, fast eins werdend mit der sie umgebenen Landschaft. Der Mensch wird hier begriffen als Teil der Natur, als Teil des Ökosystems. Ja, er verschwindet fast in der Landschaft. Bilder voller Ruhe und Kontemplation, die uns in diese mystische Welt hineinziehen und berühren können, wenn wir uns darauf einlassen. Die Künstlerin findet ihre unmittelbare Naturerfahrung über Intuition und Gefühl. Sie sagt: „Es ist ein schöner Moment, wenn ich ein Foto zustande bringe, das ausdrückt, wie ich mich fühle.“

Schon mit neun Jahren hat Seyler fotografier, der Vater hat ihr eine Leica geborgt. In Wien besuchte sie die Grafische, Fotografie wurde damals oft noch als Handwerk gesehen, aber ihr Professor hat die Ausbildung zum Glück bereits künstlerisch angelegt. Eine besonders wichtige Inspiration war die Kunst und Kultur Japans, wo Seyler rund drei Jahre gelebt hat. Man denke hier etwa nur an die Verwendung des Transparentpapiers, an die Fragilität ihre Naturfotografien, überhaupt an die zarte Poetik ihrer Bildsprache.

Mehr als fragil ist auch das Trampelbild am Beginn der Ausstellung – schon fast ein Markenzeichen von Seylers Kunst –, über das ich abschließend noch sprechen möchte. Man kommt ja fast nicht vorbei, ohne darauf zu steigen. Immer wieder hat die Künstlerin Trampelbilder gefertigt, großformatige Fotoabzüge mit Aufnahmen von verschiedenen Lebewesen (wie Schmetterlingen und Schnecken) oder vom menschlichen Körper, die sie auf den Boden legt, und sie so einem willkürlichen Darauftreten aussetzt. Werke im Spannungsfeld von Fotografie und Aktion. Die hier zu sehende Fotografie zeigt eine nackte Frau, zusammengekauert am Boden liegend, entwickelt auf leicht gewelltem Fotopapier. Ein Bild am Boden hat eine andere Bedeutung und Wertigkeit als auf der Wand, so Seyler. Wir können, ja sollen darüber gehen. Dadurch entstehen Spuren der „Benützung“, die Fotografien werden weiter „bearbeitet“, und sie legen Zeugnis ab von unserem Umgang mit dem Menschen oder auch der Natur. Ich habe Hemmungen, auf eine nackte Frau drauf zu treten... „Ja, mag sein“, sagt Seyler, „aber auf vielen Frauen auf der ganzen Welt wird viel herumgetrampelt“. Die Künstlerin fordert uns, das Publikum, dezidiert dazu auf, das Gleiche zu tun. Wir werden dadurch aber auch vorgeführt. Das stellt mich vor eine Gewissensfrage: Was soll ich tun? Soll ich es nur deshalb machen, weil mir jemand sagt, dass ich es tun soll? Gleichzeitig ist die Arbeit erst dann ein gültiges Kunstwerk, wenn es Trampelspuren hat, wenn dem Werk also Gewalt angetan wurde. Jeder muss selbst für sich entscheiden.

Verletzlichkeit jedenfalls spielt in Seylers Arbeiten immer ein große Rolle, Verletzungen, die wir Menschen zufügen, aber auch der Gesellschaft oder der Natur. Wenn wir durch die hier zu sehenden Arbeiten darüber ein wenig nachdenken und sensibilisiert werden, dann kann diese Ausstellung wahrlich als Erfolg betrachtet werden.